Genealogie

Ein harmloser Einkauf und die moderne Spaltung Zwischen Ost und West

Für meine Mutter war eine Reise zur DDR ein normaler Teil des Lebens. Trotz der vielen bürokratischen Hindernisse reiste sie oft hin und her, um ihre Familie zu besuchen oder für Forschungsreisen. Sie beschrieb diese Erfahrungen in einem Interview mit mir, und brachte mehrere Fotos mit – zum Beispiel ihren alten Reisepass und das Haus ihrer Großtante in Brieskow-Finkenheerd in Ostdeutschland. Ein Foto zeigte ein kleines rotes Buch, das sie in Ostdeutschland gekauft hat. Sie erklärte, dass sie oft Bücher in Ostdeutschland gekauft habe, weil sie da viel billiger waren. Sie kaufte dann viele verschiedene Bücher auf einmal und brachte sie zurück nach Westdeutschland. Dieses bestimmte Buch war ein kurzes Taschenbuch über Hanns Eisler, in Leipzig veröffentlicht.

So ein Einkauf war für ihre Geschichte normal, aber es brachte neue Gedanken über die Beziehungen zwischen Ost und West. Meine Mutter nutzte die wirtschaftliche Situation der DDR zu ihrem eigenen Vorteil, um billige Bücher zu kaufen. Sie machte es natürlich nicht aus irgendeinem negativen Gefühl gegen die DDR, und man könnte auch sagen, dass sie die DDR Wirtschaft unterstützt hat mit ihrem Einkauf. Es zeigt, wie tief die Unterschiede zwischen Ost und West in dieser Zeit versenkt waren, dass man Jahr um Jahr immer wieder kommen und billige Bücher kaufen konnte. So ein starker Unterschied müsste immer noch in der Gegenwart Einfluss haben. Deswegen hat mich diese kleine Geschichte inspiriert, heutzutage diese Unterschiede zu untersuchen.

Die Genealogie dient als Ursprung dieser Untersuchung. Durch Familiengeschichten erfahren wir das tägliche Leben und die Gefühle, die damit einhergehen. Diese metaphysischen Details bringen eine neue Dimension in die Erzählung einer Geschichte. Der französische Philosoph Michel Foucault beschrieb seine Theorie der Genealogie als “eine Historisierung dessen… was bisher keine Geschichte hatte, was nicht oder schwer historisierbar erschien.” Durch eine Familiengeschichte erfährt man sowohl physische als auch nicht-physische Ereignisse. Zusammen bilden diese Details eine Geschichte, die umfassender und reicher ist. Es wäre einfach, die wirtschaftlichen Fakten von Ost- und Westdeutschland zu studieren, aber die Geschichte meiner Mutter enthält eine neue persönliche Perspektive.

Die wirtschaftlichen Unterschiede sind heutzutage in den Gefühlen von den heutigen Einwohner von Ost- und Westdeutschland sichtbar. Ob diese Unterschiede immer noch existieren oder nicht, das Gefühl davon ist immer noch da. Laut einem Artikel von dem Pew Research Center sind nur 42% der Deutschen im ehemaligen Osten optimistisch, dass ihre Kinder eine bessere finanzielle Zukunft als ihre Eltern haben werden, dagegen 50% der Westdeutschen (Gramlich, 2019). Solche Spaltungen prägen weitere Meinungsverschiedenheiten. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit im Osten kann auch teilweise politische Entwicklungen beeinflussen. Die Geschichte der Ost-West-Unterschiede ist ein Teil der komplizierten Bedingungen, warum 24% Ostdeutschen eine positive Meinung von der rechts-extreme AfD haben, im Gegenteil zu 12% der Westdeutschen (Gramlich, 2019).

Um solche Unterschiede zu verstehen, braucht man einen Blick in die Geschichte, die nicht nur mit anerkannten Fakten, sondern auch mit genealogischer Bearbeitung arbeitet. Foucault beschreibt eine “Historisierung” von Materialien, die nicht vorher als Geschichte anerkannt wurden. Hier passen Familiengeschichten rein, die den Weg frei machen für neue Gedanken und Interpretationen der Geschichte. In diesem Fall hat diese alltägliche Geschichte von meiner Mutter eine weitere Geschichtsforschung inspiriert, mit einer neuen Perspektive der Ost-West Beziehung dann und heute. Die Geschichte des Bücherkaufs zeigt ein Land, das viel wichtige Kultur anbietet, aber auch wirtschaftlich viel gelitten hat, was heute immer noch persönliche und politische Auswirkungen hat. Es war auf der einen Seite gut, dass die Kultur der DDR sich so leicht im Westen verbreiten konnte, aber vielleicht auch verletzend, dass sie als einfacher Souvenir mitgebracht werden konnte.

Works Cited

Gramlich, J. (2019, October 18). How the attitudes of West and East Germans compare, 30 years after fall of Berlin Wall. Pew Research Center. https://www.pewresearch.org/short-reads/2019/10/18/how-the-attitudes-of-west-and-east-germans-compare-30-years-after-fall-of-berlin-wall/