Einleitung
Diese Seite soll eine “Tour” von den Projekten dieses Semester geben. Ich wusste von Anfang an dass ich über meine Mutter sprechen wollte. Die Tanzkarriere von meiner Mutter hatte mich schon immer fasziniert. Deshalb habe ich diese Gelegenheit genutzt um mehr über ihre Projekte und Erfahrungen zu lernen. Ich bin in meinem letzten Jahr hier bei Lafayette College. Und als ich begonnen habe, über meine nächsten Schritte zu denken, habe ich begonnen zurückzuschauen. Ich will Musiker werden. Als meine Mutter in meinem Alter war, wollte sie Tänzerin werden, oder eigentlich war sie schon Tänzerin. Sie war schon immer eine große Inspiration für mich und ich hoffe sie mit diesem Projekt zu ehren.


Meine Ziele
Deutsch war meine erste Sprache. Als ich klein war und das Sprechen gelernt habe, war hauptsächlich meine Mutter daheim. Meine Mutter kommt aus Wien und Deutsch ist ihre Muttersprache. Wir wohnten aber in London und mit der Zeit habe ich meinen deutschen Sprachgebrauch vernachlässigt. Ich war in einem englischen Kindergarten. Die englischsprachige Kultur war im Alltag dominant. Alle von meinen engsten Freunde in der Grundschule sprachen am liebsten Englisch denn ich wurde an meiner Deutschen Auslandsschule — die Deutsche Schule London (DSL) — in die Englischsprachige Abteilung eingeteilt.
An der DSL war es allerdings so, dass alle Fächer (außer Englisch und Französisch natürlich) auf Deutsch unterrichtet wurden, also mein Sprachgebrauch war verlangt, bis ich die Schule verlassen habe nach meinem Abschluss des Gymnasiums. Danach ging ich an eine Internationale Schule, um meinen Oberstufen Abschluss zu machen. Und danach zog ich nach Amerika, um bei Lafayette mein Studium zu beginnen. Nach drei Jahren hier hatte ich wirklich begonnen mein Deutsch zu vergessen und deshalb entschied ich, dass ich mich für einen Deutsch kurs anmelden würde.
In diesem Seminar möchte ich mich weiter in meiner Erforschung der Geschichte des 20. Jahrhunderts und insbesondere des Kalten Kriegs vertiefen. Ich würde auch gerne diese Gelegenheit nutzen, um mein eigene Familiengeschichte zu erforschen und dabei die Methoden, durch welche man diese persönlichen Erzählungen von individuellen Menschen zu nutze legen kann, um die Geschichte der Welt besser zu verstehen und zu verkraften.
Es gibt viele Dinge, die ich gerne mit meinen Deutschkenntnissen machen würde, manche sind schwieriger zu erklären als andere. Ich würde es mir gerne ermöglichen, weitere Bildung in diversen Fächern in deutschsprachigen Ländern zu suchen. Eine größere Auswahl an Schulen und Programmen ist ein großer Vorteil. Ich werde mich auch weiterhin mit deutscher Musik beschäftigen und es wäre sehr förderlich, wissenschaftliche Texte sowie Urquellen in der Originalsprache lesen zu können.
Es ist mein Wunsch eines Tages in Wien zu wohnen. Also hoffe ich, starke Sprachkenntnisse zu erlangen, damit ich mich dann dem Lernen des wienerischen Dialekts widmen kann und mein umgangssprachliches deutsch erweitern kann.

Famillienstammbaum
Kurz nachdem ich geboren wurde, ist meine Familie nach London gezogen. Meine Eltern mit meiner großen Schwester, Claire, wohnten bis dahin in Manhattan in der Nähe des World Trade Centers. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001, sind sie, bzw. wir in Danbury, Connecticut, temporär bei Freunden gelandet. Meine Mutter wollte aus Amerika wegziehen und sobald mein Vater einen Job in London gefunden hat, sind wir umgezogen. Ich war ungefähr drei Monate alt.
Ich bin in London aufgewachsen. Beide meiner Eltern waren dort von ihren Familien abgeschnitten. Ich vermute, dass sie beide keine großen Probleme damit hatten, weil beide sehr schwierige Kindheiten hatten.
Ab und zu reisten wir, um unsere erweiterte Familie zu besuchen. Jedesmal waren diese Begegnungen ein wenig unangenehm. Meiner Schwester und ich — und später auch mein jüngerer Bruder — schienen diese Leute sehr unbekannt und es gab nie genug Zeit, um richtige Beziehungen mit ihnen anzufangen. Wir waren immer an der Außenseite, denn jede ihrer Familien lebte jeweils in derselben Gegend. Als ich klein war, machte ich mir nicht viele Gedanken darüber.
Die Eltern von meiner Mutter starben, als ich noch sehr jung war. Ich habe kaum noch Erinnerungen von ihnen. Ich habe ein paar mentale Bilder von meiner Großmutter, aber überhaupt keine von meinem Großvater. In späteren Jahren erzählte mir meine Mutter mehr und mehr von ihrer Kindheit und als ich alt genug war, als wir zu Besuch bei meinem Onkel Moby (Christof Huebner) in Baltimore waren, erfuhr ich die wahre Geschichte.
Meine Mutter hatte zwei Brüder. Der älteste, Christof, ist der Halbbruder von meiner Mutter. Meine Großmutter wurde schwanger mit ihm, als sie noch sehr jung war, vielleicht im Alter von 18 oder 19 Jahren. Sein Vater kam aus dem damaligen Persien, heute Iran. Sie waren nie verheiratet und ihre Beziehung endete, sodass mein Großmutter mit einem Kleinkind zurückblieb, um den sie sich kümmern musste.
Sie heiratete wenige Jahre später einen älteren Mann, meinen Großvater Gere Hübner. Sie hatten noch zwei Kinder zusammen, meinen Onkel Nikolaus und ein Jahr darauf, mein Mutter.
Meine Großeltern verstanden sich nicht gut und die Familie litt unter ihren Streitigkeiten. Meine Mutter und mein Onkel Moby suchten einen Ausweg durch die Kunst. Christof spielte Violine (später Bratsche) und widmete sich seiner Praxis. Meine Mutter war Tänzerin und begann mit 12 Jahren ihre Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien.
Christof und seine Mutter verstanden einander nicht und, nach viel Streit, zog er mit erst 15 Jahren aus dem Haus. Schon mit 19 Jahren erhielt er eine Stelle als Geiger an der Wiener Staatsoper. Er suchte aber einen Weg, Österreich zu verlassen. Er erlebte in Wien aufgrund seines gemischten Hintergrundes viel Rassismus. Er fand seinen Ausweg durch ein Fulbright-Stipendium, um in Amerika als Musiker weiter zu studieren.
Nikolaus war eine schwierige Person, der sein ganzes Leben lang Schwierigkeiten mit Beziehungen hatte. Meine Mutter versuchte lange Zeit mit ihm befreundet zu bleiben. Doch nachdem er in späteren Jahren die körperliche Sicherheit von ihr und ihren Kindern bedrohte, brach sie den Kontakt ab und sie entfremdeten sich.
In den nächsten Jahren sahen meine Mutter und mein Onkel Moby einander sehr wenig. Aber 1992, erhielt sie ebenfalls ein Stipendium vom Bundesministerium, um im Ausland weiter zu studieren. Sie war mit 27 Abenteuerlustig und sah in den zwei Zentren des Tanzes in der Westlichen Welt nur eine Option. In ihrer Kindheit verbrachte sie mehrere Ferien in Frankreich und, weil sie schon eine neue Orientierung im Moderntanz gefunden hatte, entschied sie sich, nach New York zu ziehen.
In Amerika trafen die beiden Geschwister sich wieder nach etwa 15 Jahren keinen oder wenig Kontakt. Sie spürten eine neue Verbindung miteinander und sind bis heute einander sehr nah geblieben.
Mein Onkel Christof starb am 2. März 2025 an Speiseröhrenkrebs, der Anfang 2022 diagnostiziert wurde. Er wohnte dann schon mehrere Jahre in Baltimore, Maryland. Meine Mutter wohnt noch immer in London und diese Entfernung machte es in den letzten Jahren schwierig, einander zu sehen.
In den letzten zwei Wochen sprach ich viel mit meinen Geschwistern, meiner älteren Schwester Claire und meinem jüngeren Bruder Christoph. Wir haben uns beschlossen, dass wir, wenn wir älter werden, in dieselbe Gegend ziehen werden, damit wir in späteren Jahren in der voneinander sein können.
In diesem Familienstammbaum sehe ich viele zerstörte Beziehungen. Ich habe auch sehr vieles erfahren während meiner Recherche, was ich bis jetzt nicht wusste. Ich spüre keine Scham über diese Vergangenheit. Ich finde es wichtig, meine Familiengeschichte besser zu verstehen und dafür zu sorgen, dass die nächste Generation meiner Familie einen engeren Bund hat und dass meine Kinder, sowie die Kinder meiner Geschwister ihre Familiengeschichte besser verstehen, sogar wenn diese eine schwierige ist.
Gegenstand
Mein Gegenstand sind DVDs, die ich bei mir zuhause mit meiner Mutter gefunden habe. Allerdings begann mein Interesse an ihrer Tanzkarriere durch ein altes Plakat von einem ihrer Projekte aus 1990. Dieses alte Plakat fand ich immer lustig als Kind, denn ich konnte nicht erkennen, welcher der zwei Tänzer meine Mutter war. Sie erzählte nicht viel von ihrer Tanzkarriere, als ich aufgewachsen bin. Erst in den letzten paar Jahren, als sie einen Ballettkurs für Erwachsene ausprobiert hat, begann sie wieder über ihre Tanztage zu sprechen. Dann fand sie bald, in einer alten Kiste, die Aufnahmen von ihren Projekten aus den 90ern.
Ihr Tanztheater Konnex gründete sie 1990 mit ihrer Freundin Aurelia. Mit ihren Ballett Kenntnissen begonnen sie zusammen zu experimentieren. Sie erforschten mehrere verschiedene Kunstarten durch ihr eigenes Medium, alles von Lyrik bis Fotografie, und jedes ihrer Arbeiten thematisierte eine neue solche Gegenüberstellung zwischen Tanz und etwas anderem.
Ich bin daran interessiert, diese Werke weiter zu erforschen und durch mein gewähltes Medium zu verarbeiten. Also, ich werde den Ton und die räumliche Dimension dieser Aufnahmen zentralisieren und durch die Verarbeitung und Verzerrung des existierenden Materials, aber auch durch präzise neue Hinzufügungen, werde ich dem Visuellen ein verwandeltes Leben geben.
Interview mit Meiner Mutter
Was hast du aus deinen Experimenten mit Konnex gelernt?
Konnex war in jeder Hinsicht eine große Herausforderung und ich habe sehr viel über mich selbst gelernt. Meine Partnerin Aurelia Staub war die treibende Kraft in der Gründung von konnex, da ich von Fundraising, Subventionsansuchen, Formulierung von Konzepten einer Tanzproduktion, Budget verwalten, Verträgen verhandeln, Lichtdesign, Kostümdesign und Dramaturgie absolut keine Ahnung hatte.
Ich hatte sieben Jahre sehr strenges Training hinter mir zur Ausbildung zu einer kompetenten Ballett-Tänzerin. Wichtig war es, sehr fit zu sein, dem körperlichen Ideal einer Ballerina zu entsprechen und möglichst schnelle Aufnahme- und Merkfähigkeit von Bewegung zu trainieren. Als Tänzerin sollte man das Instrument eines Choreographen sein.
In der Welt des modernen Tanzes war das schon anders, es war mehr Persönlichkeit gefragt und Mitarbeit bei der Erarbeitung von Bewegungsmaterial war gewünscht.
In diesem Sinn war Konnex ein Riesenschritt in meiner Entwicklung als Tänzerin, eine Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die mich sehr gefordert hat.
Es war auch zum ersten Mal ein Blick hinter die Kulisse, ich habe erfahren, wie viel Arbeit in einer Produktion steckt. Davor hatte ich nur die Rolle der Tänzerin, bei Konnex war ich die Produzentin und hatte viele Rollen und fand diese sehr schwer zu bewältigen, weil die Rolle der Tänzerin alleine schon sehr anstrengend ist.
Die Auseinandersetzung mit anderen Medien und deren Verbindung mit Tanz fand ich sehr spannend und rückblickend gesehen hätte ich da gerne weiter gearbeitet.
Unser erstes Stück Momentaufnahme befasste sich mit der Gegenüberstellung von Tanz und Fotografie, ein ästhetisch schönes Stück, welches in einem Filmstudio aufgeführt wurde. Unser Bühnenbild bestand aus großen Fotos, die im Raum aufgehängt waren, die bewegt und gekippt werden konnten. Ich persönlich fand es schwierig den Bezug zur Fotografie herzustellen, der Kontrast zwischen der Stille und der Unbeweglichkeit der Fotografie einerseits und der Energie des Tanzes andererseits. Wie verbindet man Bewegung mit Unbeweglichkeit, was ist die Gemeinsamkeit? Vielleicht, dass beide Kunstformen visuell sind, ohne Worte etwas vermitteln oder darstellen wollen, im Moment festgehalten oder durch Bewegung ausgedrückt werden. Ich finde die Frage heute noch spannend!
Unser zweites Stück beschäftigte sich mit Literatur, mit den Gedichten der Schriftstellerin Hertha Kräftner. Hier fand ich es leichter den Bezug herzustellen, da wir es gewohnt sind, mit Worten zu kommunizieren. Die Schriftstellerin verwendet Worte, um Geschichten oder Gedichte zu schreiben, um ihre Gefühle und Gedanken zu verarbeiten. Ich verwende meine Bewegungssprache, um diese Gefühle und Gedanken widerzuspiegeln.
Was für Erinnerungen hast du vom November 1989? Oder von 1989 allgemein?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich erst einmal nachschauen musste, was im November 1989 passiert ist- in meinem Leben und in der Weltgeschichte. Der Fall des Eisernen Vorhangs! Und ich muss auch ehrlich sagen, dass ich mich nicht wirklich besonders daran erinnere; schon an dem ‘Moment’, als die Mauer und die Grenzen geöffnet wurden. Es war unfassbar, nach so vielen Jahren konnte niemand glauben, dass das geschehen würde.
Andererseits ist es eben nicht nur dieser eine Moment, sondern eine langsame Entwicklung, mit der man gelebt hat und die man in dem Moment oder in diesem Monat noch gar nicht so begreifen konnte. Deine Frage hat mich sehr zum Nachdenken angeregt, warum ist mir dieses eigentlich monumentale Ereignis nicht ins Gedächtnis gebrannt?
Ein Faktor ist sicher, dass die Medien damals anders waren. Nicht wie heute, wo man jede Minute, jede Veränderung und Entwicklung einer Geschichte mitverfolgen kann. In meiner Jugend hat man die Zeitung einmal am Tag gelesen, vielleicht Radio gehört, wenn man neben einem Radioapparat saß und meistens habe ich am Abend ZiB angeschaut, Zeit im Bild, die österreichische Nachrichtensendung.
Ich hatte auch wenig Bezug zum Ostblock, ich wusste natürlich, dass das Leben dort schrecklich ist, alles ist rationiert und die Menschen haben dort keine Freiheit. Aber das war weit weg und es gab nicht viele Informationen.
Hat es mich weniger berührt, weil ich nicht ständig Bilder auf Social Media gesehen habe oder weil es nicht so viele Informationen gab? Oder weil man es auch leichter verdrängen konnte, weil es nicht dauernd so präsent war?
Ich war sicher in diesem Jahr sehr mit meinem Leben beschäftigt, ich war 24 Jahre alt und steckte all meine Energie in meine Karriere als Tänzerin, die sich in diesem Jahr sehr veränderte.
Ich hatte zwei Jahre an einem Theater gearbeitet, 1989 begann ich in Modern Dance und Tanztheater Produktionen zu arbeiten und hatte damit meine Leidenschaft im Tanzbereich gefunden. Es war ein sehr erfülltes Jahr voller Bewegung und neuen Erfahrungen.
Wie ist es dazu gekommen, dass du nach New York gezogen bist und wie hast du diese Entscheidung getroffen?
Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon einige Jahre in der Wiener Tanzszene im modernen Tanz und Tanztheater gearbeitet. Wien ist keine große Stadt und eine Stadt mit viel Tradition in klassischer Musik, Oper und Ballett, moderner Tanz steckte noch in Kinderschuhen und es gab nur eine kleine Anzahl von Choreographen.
Ich kam an den Punkt, wo ich alles ausgeschöpft hatte, die Wiener Tanzszene wurde mir zu klein. Ich hatte mit guten Choreographen gearbeitet, in Modenschauen getanzt, meine eigene Kompagnie gegründet und mit Choreographie experimentiert. Ich brauchte neue Informationen, Stimulation, neue Lehrer, aber auch eine neue Umgebung…
Ich sah eine Ausschreibung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, es wurden Stipendien zur Fortbildung im Tanz vergeben und ich bewarb mich spontan dafür.
Als ich tatsächlich ausgesucht wurde, konnte ich mir aussuchen, wo ich mich fortbilden möchte. Die Zentren für Tanz waren in Paris und New York. Meine Entscheidung fiel auf New York, weil es ganz weit weg war, Abenteuer versprach und es sehr viel Auswahl an Schulen und Tanztechniken gab, mehr als ich mir vorstellen konnte.
Video: https://www.youtube.com/watch?v=yVqruu-UquM
Verliere nicht dein Gleichgewicht.
Parallel durch unsere Zeiten.
Manches verschieden, vieles gleich.
Ein kleiner Schritt für mich, wie eine Zeitreise,
Von derselben Idee angelockt, versetzt in deine Seele.
In der De- und Rekonstruktion von unserem Verstand bringen wir eine tiefe Nähe in unser Bewusstsein.
Schönheit ist die Rekapitulation der fernen Vergangenheit im jetzigen Moment.
Schlussfolgerung
In diesem Projekt habe ich viel gelernt, das ich in der Zukunft nutzen werde. Ich habe viele Fragen gestellt, die ich noch nicht komplett beantworten kann. In diesem Semester habe ich mich viel beschäftigt mit der Frage von meinem Verhältnis zu den heutigen Geschehen in der Welt. Man fühlt sich leicht überwältigt von der Konfrontation mit den Kriegen, Genoziden und Ungerechtigkeiten, die täglich fortgepflanzt werden.
Ich habe versucht, durch meine Mutter einen Zugang zu der Geschichte des Kalten Kriegs zu finden, stattdessen habe ich viel über ihre Tanzkarriere erfahren. Ich fand dies eine sehr schöne Entdeckung, dass die gräulichen Geschehnisse der Weltgeschichte im Hintergrund des Lebens meiner Mutter standen und dass meine Mutter nicht im dunklen Schatten stand. Milan Kundera, ein tschechisch-französischer Schriftsteller, der sich in seinen Werken mit Fragen der Identität, Geschichte und dem menschlichen Daseins beschäftigte, bemerkte einen wachsenden Spalten zwischen den Generationen. In seinem Werk, das er im Exil in Frankreich schrieb, Das Buch vom Lachen und Vergessen, beschreibt er diese Unterschiede, wie ein Sohn über seine Mutter erzählt.
Der Sohn, Karel, erinnert sich an eine Geschichte. Eine Nachts wurde ihr Land von Panzern invadiert, Russische Panzer. Eine Woche davor hatte Karel’s Mutter den Apotheker eingeladen, um einen Korb von ihren frisch gepflückten Birnen abzuholen. Aber nach der Invasion kam der Apotheker nicht ohne sich auch zu Entschuldigen. Karels Mutter fühlte sich beleidigt und Karel, wie auch seine Frau, wurden wütend auf sie: “ Everyone else is thinking about tanks, and your thinking about pears” (Kundera, 40). Aber als Karel daran zurückdenkt, sieht er das ganze anders: “Are tanks really more important than pears? As time went by, Karel realized the answer to this question was not as obvious as he had always thought, and he began to feel sympathy for Mama’s perspective, which had a big pear tree in the foreground and somewhere in the distance a tank no bigger than a ladybug, ready at any moment to fly away out of sight” (Kundera, 41). Sogar damals, sogar in einem Land, das invadiert wurde, gab es Leute, die ihr Leben lebten für ihre Familien und Freunde und die Gemeinde, die sich nicht überschatten ließen vom Krieg. Man muss weiterleben.
Ich finde es wichtig, in meinem Weltbild einen Platz für mich zu schaffen. Man muss gegen diese mentale Unterdrückung kämpfen.