3. Familienstammbaum

Mary Chase: Humor für dunkle Zeiten

Über dem Kamin in meinem Haus hängt ein riesiges Gemälde von einer Frau, die ich nie kennengelernt habe. Mehrere von meinen Freundinnen haben gesagt, dass sie das Gemälde unheimlich finden, als sie bei mir übernachteten. Ernst und imposant schaut die Frau unser Wohnzimmer mit ihren unblinkenden Augen an. Obwohl wir uns nie kennenlernten, beinflusste diese Frau mein Leben stark.

Meine Urgroßmutter—Mary Coyle Chase, die Mutter des Vaters meiner Mutter—wurde in 1907 in Denver, Colorado geboren. Ihr Mädchenname, Coyle, kam von ihren irischen Großeltern, die irgendwann vor 1860 in die USA einwanderten. 1928 heiratete sie Robert Chase. Sowohl Mary als auch ihr Mann arbeiteten als Journalisten in Denver, und sie hatten drei Söhne: Barry Jerome (mein Großvater), Colin und Michael.

Mary schrieb verschiedene Theaterstücke und Bücher, aber ihr Meisterwerk war Harvey, eine Komödie, die sich um einen Mann, Elwood P Dowd, und seinen besten Freund, einen unsichtbaren Hasen namens Harvey, dreht. Für dieses Werk bekam sie einen Pullitzer Prize, und das Stück lief am Broadway für einige Jahre. Die Inspiration dafür kam aus einen bestimmten Moment im Jahr 1942, während des zweiten Weltkriegs.

1942 war ein wichtiges Jahr in der Entwicklung des Kriegs, sowohl in Europa als auch in Amerika. In Europa erhöhte sich die organisierte Gewalt von den Nazis gegen Juden. Obwohl die Nazis die Macht seit Jahren hatten, geschahen in diesem Jahr die ersten Deportationen nach Auschwitz. In diesem Jahr wurden auch Juden in Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern dazu gezwungen, Sterne zu tragen.

 in Amerika wird ebenfalls der Krieg in 1942 noch ernsthafter. Die USA waren nur vor Kurzem in dem Krieg eingetreten, und 1942 fingen die erste Rationierungen und Verdunkelungen in den USA an. Man kann sich gut vorstellen, wie solche Maßnahmen sich die allgemeine Stimmung in den USA veränderten. Obwohl kein Kämpfen in Amerika geschah, wurde jetzt jede Person zum kleinen Teil ein Teilnehmer des Kriegs. Wenn man nicht so viel Zucker wie man will kaufen darf und muss die Lichter jeden Abend aus Furcht vor U-boote ausmachen, kann man nicht die Realität eines Kriegs ignorieren.

In diesem Jahr wurde der Krieg zeurst als einen zweiten Weltkrieg benannt. Solche einen Namen zu hören muss für die Generation meiner Urgroßmutter schreckenerregend gewesen sein. Diese Generation  war schon während eines Weltkriegs aufgewachsen und jetzt musste sie noch einen Weltkrieg zu ihren Lebzeiten erfahren.

In diesem Jahr wohnte meine Urgroßmutter, Mary Chase, mit ihrer Familie in Denver. Während ein Weltkrieg gekämpft wurde, arbeite Mary als Journalistin und kümmerte sich um ihre kleine Kinder. In der Nähe von der Chase-Familie wohnte eine Frau mit erwachsenen Kindern, und jeden Tag sah Mary diese Nachbarin auf ihrer Fahrt zur Arbeit. Eines Tages fand meine Urgroßmutter heraus, dass der Sohn dieser Frau im Krieg gestorben war. Am nächsten Tag sah Mary die Frau, wie immer, aber dieses Mal sah sie kummervoll aus. 

Als sie die Betrübnis ihrer Nachbarin sah, wollte Mary irgendetwas schreiben, das diese Frau wieder zum Lachen bringen konnte. Aber sie wusste nicht, was für eine Komödie das schaffen konnte. Endlich hatte sie die Idee, die schließlich ihr erfolgreichstes Stück wurde: eine Komödie über einen großen, unsichtbaren, weißen Hase names Harvey, der nur von der Hauptfigur, Elwood P. Dowd, gesehen werden kann. 

Zwei Jahre später wurde Harvey veröffentlicht, und das Stück war ein großer Erfolg, vielleicht zum Teil weil es so zeitgerecht  war. Die Geschichte enthielt alle die Werte, die man während einer weltweiten Katastrophe braucht: Menschlichkeit, Humor, Herzlichkeit und mehr. Die leichte, lustige Geschichte von Elwood P. Dowd, der jeden Fremden mit Freundlichkeit behandelt, und Harvey, der das Beste in allem zum Vorschein bringt, musste in dieser Zeit gebraucht werden. Während einer Zeit, in der das Schlechteste an der Menscheit klar zu sehen war, brauchten Leute eine Erinnerung, dass nicht alles in der Welt finster und böse war. Es war aus diesem Grund, für die bangen und entmutigten Menschen wie die Nachbarin in Denver, dass meine Urgroßmutter Harvey erschaffte.  Ich weiß nicht, ob die Nachbarin jemals das Stück sah, aber Harvey brachte viele andere Menschen zum Lachen in den folgenden Jahren.

Bis heute lernt neue Leute Harvey kennen, obwohl meine Urgroßmutter vor mehr als vier Jehrzehnten gestorben ist. Ihr Bildnis an unserer Wand ist eine Erinnerung an das Erbe, das sie zurückließ: nicht nur das Geld, das half, für unseres Hauses und für unsere Autos zu bezahlen, sondern ihren bleibenden Humor und ihre Hoffnung für dunkle Zeiten.