(iv) Familienstammbaum (Volltext)

Meine Mutter kommt aus der Dominikanischen Republik. Sie hat am 30. Dezember 1990 nach New York City geflogen. Sie ist mit ein bisschen um ihre Familie geflogen. Sie kam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, aber viele ihrer Geschwister sind in der Dominikanischen Republik geblieben. Weil Sie Familie und Leben schon hatten, sind viele auf der Insel geblieben.

Meine Mutter ist mit American Airlines geflogen und Sie erinnert an eine Lila Jacke haben. Meine Mutter ist in 2527 Valentine Ave. eingezogen und sie lebt in einer Ein-zimmer Wohnung mit ihrer Mutter, Vater und Bruder. Sie erinnert sich, wie kalt es war und die dünne Schneeschicht. 

Als ich an diesem kalten Tag aus dem Flugzeug steige, trifft mich die Luft wie ein Schlag. Es war der 30. Dezember 1990 und ich bin gerade in New York angekommen. Die Kälte… ich hab noch nie sowas gefühlt. Sie geht direkt durch meine Jacke, als hätte ich gar keine an. Ich zieh sie enger um mich, aber es bringt nix.

Ich bin mit meine Mutter und mein Bruder hier, aber viele von meine Geschwister sind in der Dominikanische Republik geblieben. Sie hatten da schon ihr Leben, ihre Familien, ihre Arbeit. Ich verstehe das… aber trotzdem war es schwer, sie zurücklassen. Erst vor drei Tagen unterzeichneten Deutschland und DR das Abkommen über finanzielle Zusammenarbeit (Financial Cooperation Agreement), das die Ressourcen und Kurse der deutschen Botschaft (embassy) in El Capitál erweitert. Draußen vor dem Flughafen sehe ich Schnee zum erste Mal. Nur eine dünne Schicht, aber ich fühlte es unter meinen Schuhe, so weich und kalt. Ich hatte Schnee nur in Filmen gesehen, aber jetzt… jetzt ist er echt (real). Die Luft riecht komisch, schwer, irgendwie (somehow) nach Benzin und Rauch. Überall Leute, Stimmen, schnelle Gespräche in Englisch, die ich kaum verstehe. Ich schau nach oben. Überall Lichter, hohe Gebäude, so viele Autos, die hupen. Alles ist groß, laut, anders. Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Aber ich weiß… mein Leben wird nicht mehr die gleiche sein.

Ich gehe in die Wohnung ein, und sofort fühlt es anders an als zuhause. Die Luft ist still, irgendwie leer. Kein Summen von Ventilatoren, keine lauten Stimmen von draußen, keine Gerüche von Mango oder gebratenen Plátanos, die durch die Fenster wehen. Alles ist so… ruhig. Ich schließe die Tür hinter mir, und meine Schritte hallen leicht auf dem Boden.  Ich hätte nie gedacht, dass diese Wohnung, in die ich gerade zum ersten Mal gehe, der Ort sein wird, wo unsere Familie für Jahre zusammenkommt. Wo Kinder geboren werden, wo Feste gefeiert werden, wo wir an langen Sonntagen zusammensitzen und Geschichten erzählen. Aber in diesem Moment fühlt es sich noch nicht so an. Es fühlt sich fremd an, kalt – nicht nur wegen dem Wetter draußen.

Meine Mutter geht direkt in die kleine Küche, als ob sie schon weiß, was sie tun muss. Sie stellt ihre Tasche auf den Tisch und holt ihr wertvoller Besitz (prized possession) raus – ihre alte Metall-Kaffeekanne, die sie extra von der Insel mitgebracht hat. Sie würde nie ohne sie reisen. Es ist die Art, die man auf den Herd stellt, wo das Wasser langsam durch den Kaffee tropft. Sie nimmt sie in die Hand, dreht sie ein bisschen, als ob sie sich vergewissern will, dass sie noch heil ist. „Tenemos que hacer café,“ sagt sie, fast wie ein Reflex. Ich nicke (nod) nur, obwohl ich müde bin, obwohl ich nicht weiß, ob es hier überhaupt schmeckt wie zuhause. Sie füllt Wasser ein, nimmt den kleinen Beutel mit Café Santo Domingo, den sie auch aus der Heimat mitgebracht hat, und löffelt (spoons/scoops) das braune Pulver in den Filter. Der Geruch (smell) breitet sich langsam aus.

Ich setze mich an den kleinen Tisch und schaue mich um. Die Möbel sind alt, dunkel, nicht unsere. Es ist, als ob jemand anderes hier gelebt hat und wir nur Gäste sind. Aber der Kaffeeduft… der ist vertraut. Vielleicht wird es mit der Zeit hier auch zuhause sein.