Familienstammbaum

Schubel-Soukup Stammbaum

Eine Reise von West nach Ost – Mein Familienstammbaum

Es ist 1972, ungefähr der erste Juni. Die Familie erholt sich mit einem Traubenzucker aus der Schüssel bei der Tür und legt los. Die Reise zur Grenze ist weit in dem kleinen Auto. Meine Mutter sitzt hinten und denkt an ihren Sommer. Für Wochen machte sie bei einem christlichen Sommerprogramm der lokalen mennonitischen Kirche mit. In einem Wettbewerb hat sie einen Bleistift gewonnen, dekoriert mit einem Bibelvers, der jetzt zwischen ihren Fingern tanzt.

Später, als sie in der langen Schlange der Grenzkontrolle steht, rollt der Bleistift aus Versehen aus den Fingern. Er rollt auf dem Fußboden zwischen Koffern und Menschen und ist schnell verloren. Sie würde ihn gerne holen, aber die Offiziere der Grenzkontrolle stehen zu jeder Seite und passen auf. Sie will keinen Streit anfangen mit der Grenzkontrolle oder mit ihrer Familie, die hier schon lange mit ihren zwei jüngeren Geschwistern wartet. Sie muss ein gutes Beispiel sein, als die älteste Schwester, und diese Grenzüberquerung nicht schwieriger machen.

Ostdeutschland ist für sie ein anderes Land. Sie weiß, dass die Leute hier nicht so anders sind. – Zu ihnen zählt ihre eigene Familie, die sie in Kürze besuchen wird. Aber sie kennt hier nur alte Leute. Der jüngste ist ihr Cousin Willi, der gerade 18 geworden ist und jetzt Pflichtwehrdienst machen muss. Er darf deswegen nicht mehr seine Familie besuchen, wenn der westdeutsche Teil der Familie zu Besuch kommt. In Ostdeutschland darf meine Mutter auch nicht zur Kirche. Ihre Eltern haben geduldig erklärt, wie die Kirche anders funktioniert im Osten. Sie findet es etwas traurig, dass die Ostdeutschen nicht denselben Zugang zu der Kirche haben wie sie.

Als der Bleistift mit dem Bibelvers langsam wegrollt, fühlt sie sich deswegen ein kleines bisschen stolz. Sie hofft heimlich, dass der Stift die richtige Person im Osten erreicht. Ob sie an die Macht des Bibelspruchs oder einfach an die Informationsfreiheit glaubte, ist nicht klar. Es ist eine kindliche Fantasie und eine, die sie jetzt nicht mehr ganz versteht.

Die Basis für diese Geschichte kommt von meiner Mutter, obwohl das Datum und manche Ereignisse ausgedacht sind. Ich habe diese Geschichte im Sommer 1972 verortet, weil meine Mutter zu dieser Zeit ungefähr 12 Jahre alt war und im Sommer oft über die Grenze gereist ist. Durch diese Familiengeschichte finde ich einen Blick in den historischen Kontext von 1972 in Deutschland.

1972 war ein wichtiges Jahr für die Reisefreiheit zwischen Ost und West. Am 3. Juni ist ein Transitabkommen eingetreten, um den Verkehr zwischen Ost und West zu verbessern. Autobahn- und Eisenbahnstrecken wurden erneuert oder gebaut. Es war auch ein wichtiger Schritt für die Verbesserung der innerdeutschen Beziehungen. Solche Abkommen würden bestimmt die Reisepläne meiner Familie in den nächsten Jahren ändern.

1972 war auch eine wichtige Zeit für den Terrorismus in Westdeutschland. Obwohl der Höhepunkt des „deutschen Herbstes“ noch nicht erreicht war, war die RAF schon aktiv. Am 19. Mai wurde eine Druckerei von Axel Springer angegriffen, und fünf Tage später eine amerikanische Militärbasis in Heidelberg. Im Juni, kurz nach der ausgedachten Reise meiner Mutter, werden manche Mitglieder der RAF verhaftet. Ich stelle mir vor, dass die Stimmung in Westdeutschland in der Zeit besonders ängstlich war. Vielleicht gab es an dieser Grenzkontrolle, wo meine Mutter in der Schlange stand, viele Plakate mit den Gesichtern der RAF-Mitglieder. Vielleicht hatte jeder Offizier der Grenzkontrolle eine Liste von Namen, die auf keinen Fall hin und her reisen dürften. Vielleicht wurde es während der Reise zwischen den Erwachsenen leise diskutiert, außer Hörweite der Kinder.

Am 5. September hat das Münchner Olympia-Attentat, ein terroristischer Anschlag einer palästinensischen Terrororganisation bei den 1972 Olympischen Spielen in München, stattgefunden. Die Ereignisse wurden im Fernsehen übertragen und Westdeutschland sowie andere Länder folgten gespannt der Geschichte. Als Nachfolge wurde die Sicherheit an den westdeutschen Grenzen und Flughäfen verschärft. Zurück von ihrer Reise nach Ostdeutschland, guckte meine Mutter vielleicht diese Sendung auf ihrem Fernseher (einer der ersten Farbfernseher in ihrer Nachbarschaft) und fragte sich, wie die nächste Reise nach Osten aussehen würde.