Genealogie

Die Reise, die ich dieses Semester unternahm, um mehr über meine Großmutter und mein deutsches Erbe zu erfahren, war sehr faszinierend. Mit diesem Projekt hakte ich alle Punkte ab, die ich in diesem Kurs erreichen wollte. Bei meiner Forschung fiel mir auf, wie Erinnerungen an die nächste Generation weitergeben werden. Durch das Interview mit meineim Großvater und auch durch meine eigenen Erfahrungen weiß ich jetzt, wie wichtig das Kochen ist, um starke Bindungen zwischen den Generationen zu knüpfen. Meine Familie und ich können uns lebhafter und liebevoller an meine Großmutter erinnern durch das Kochbuch und die Rezepte, die sie uns hinterließ. Davon hatte ich vor diesem Projekt keine Ahnung. Ich dachte, dass sich Erinnerungen an geliebte Menschen, die wir verliegen, auf Geschichten beschränken. Mir kam nie in den Sinn, dass etwas so Kleines wie ein Rezept, das Früchtebrotrezept im Fall meiner Familie, auch etwas sein könnte, das wir uns an von jemanden erinnern, den wir verloren haben.

Ich konnte die Geschichte des Kochbuchs meiner Großmutter bilden, durch die Weitergabe von Erinnerungen an die nächste Generation. Ich war erst neun Jahre alt war, als ich mit ihrem Kochbuch in Berührung kam, und bis ich meinen Großvater interviewte, wusste ich nichts davon. Für mich gab das Interview mit meinem Großvater dem Kochbuch eine Geschichte, die es vorher nicht gab, etwas, das Foucault in seiner Definition der Genealogie erwähnt (S. 1 des Artikels „Genealogie“). Was Foucault sagte, ist „Demnach lässt sich die Genealogie als eine Historisierung dessen begreifen, was bisher keine Geschichte hatte, was nicht oder schwer historisierbar erschien.“ Ich verstehe dieses Definiton so, dass eine Genealogie etwas klarstellt, was bis dahin unklar war. Als ich das Kochbuch zum ersten Mal sah, wusste ich weder, in welche Sprache es geschrieben war, noch woher es stammte. Als ich dann mit meinem Großvater sprach, gab er mir etwas, das ich für eine Genealogie des Kochbuchs meiner Großmutter halte. Während die Rezepte meiner Großmutter noch immer die Erinnerungen meines Großvaters an sie wecken, beziehen sich die meisten Geschichten, die er erzählt, nicht auf ihr Kochen, sondern eher auf ihre gemeinsamen Abenteuer. Allerdings ist das Zubereiten von Rezepten stark mit dem Gedächtnis verbunden, da man viele Dinge mit dem Kochen assoziieren kann, auch wenn dies bei meinem Großvater nicht der Fall war.

Ich lernte durch den Aufbau der Geschichte des Kochbuchs eine völlig neue Seite meiner Großmutter kennen, die mir größtenteils unbekannt war. Ich erfuhr, wie sie aufwuchs, woher ihre Vorfahren kamen und wie sie ihr Erbe in ihrer eigenen Familie einsetzte. Darüber hinaus konnte ich mir ein genaueres Bild davon machen, wie sich mein Großvater heute an sie erinnert. Er erinnert sich nicht nur an sie durch Geschichten, die er uns gerne über sie erzählt, sondern auch durch ihre Kochkünste. Das Früchtebrot, der Kartoffelsalat und die Truthahnfüllung sind allesamt Erinnerungen meines Großvaters, meines Vaters, meiner Tante und meiner Onkel an meine Großmutter. Was mir am Kochen im Gegensatz zum Geschichtenerzählen auffällt, ist dass, es einem ermöglicht, etwas Tieferes zu fühlen. Mit Geschichten kann man etwas über jemanden erfahren, den man vielleicht nicht so gut kennt oder kannte, aber wenn man etwas kocht, das dieser Mensch früher gekocht hat, werden mehr Emotionen freigesetzt.

Meiner Perspektive auf das, was als Erinnerung klassifiziert werden, erweiterte sich deutlich seit Beginn dieser Forschung. Ursprünglich hatte ich den Eindruck, dass Erinnerungen nur in der Form von Anekdoten vorkommen. Im Laufe dieses Forschungsprozesses lernte ich, dass Erinnerungen auch scheinbar so kleine Objekte wie ein Rezept oder ein Kochbuch zugetan sein können. Für mich dienen die Geschichten über meine Großmutter und ihre Rezepte als eine Metapher für „Zeigen und Erzählen“. Obwohl man aus Geschichten viel lernen kann, vermitteln sie möglicherweise nicht die gleichen Emotionen wie etwas Kleineres, beispielweise ein Rezept.  In einer Studie über alte irische Kochbücher aus den 1940er Jahren wurde festgestellt, dass die Hälfte davon Erinnerungen enthielt, die mit dem Erlernen der Rezepte verbunden sind. Ein Rezept hat eine Verbindung zu der Person, die es schrieb. Also wenn wir die Gerichte kochen und auch erlernen, die meine Großmutter zubereitete, ist das unsere Art, uns an sie zu erinnern. Mein Großvater erzählt immer gern Geschichten über meine Großmutter, aber jedes Jahr zu Thanksgiving, wenn wir die Füllung vorbereiten, oder jedes Jahr zu Weihnachten, wenn meine Tante jedem von uns einen Laib Früürchtebrot schenkt, erinnern wir uns am meisten an sie.